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01.10.2014 15:41

Landwirtschaft im Fokus der Pädagogen

Eine Woche vor Schulbeginn in Thüringen, begann am Montag die „Vorbereitungswoche“ für Lehrerinnen und Lehrer, so auch in der „Herzog-Bernhard-Schule“ in Römhild.

Von: Kurt Lautensack

Römhild-Milz-Simmershausen – „Landwirtschaft hautnah erleben“ oder besser noch „Landwirtschaft sehen, hören und riechen“, so könnte man den ersten Tag der Vorbereitungswoche der Römhilder Regelschul-Lehrer auf das inzwischen laufende Schuljahr bezeichnen. In Absprache mit Schulleiter Ralf Schellenberger organisierte der Geschäftsführer der Agrargenossenschaft (AG) „Milzgrund“ e.G. Milz, Albert Seifert, einen Tag in den Landwirtschaftsbetrieben der Stadt Römhild, dem Einzugsgebiet der Regelschule. Und so begann die Vorbereitung auf das Schuljahr 2014/15 am Montag um 08.00 Uhr nicht im Klassen- oder Konferenzraum der Schule, sondern auf dem Gelände der AG „Milzgrund“.

Nach einer kurzen Begrüßung erklärte der Milzer Agrarchef zunächst den geplanten zeitlichen und organisatorischen Tagesablauf, der den Besuch aller drei Landwirtschaftsbetriebe sowie der BayWa zum Inhalt hatte. Erklärtes Ziel war es, den Pädagogen einen tieferen Einblick in die Entwicklung der Landwirtschaft in der Region zu geben und ihnen vor Augen zu führen, wie modern, leistungsfähig sie ist. Zum anderen sollten sie die unterschiedlich strukturierten Betriebe mit ihren Produktionsschwerpunkten näher kennenlernen und erkennen, was die Landwirtschaft für den Umwelt- und Naturschutz leistet. Das war am Ende der Tour mehr als gelungen.

Doch den Nahrungsproduzenten drücken auch so manche Sorgen, wie Albert Seifert anklingen lässt. Das größte Problem in der Landwirtschaft, erklärte er den Pädagogen, sei derzeit der Kampf um die landwirtschaftlichen Nutzflächen (LN), weil sie dem sogenannten „Land-Grabbing“ zum Opfer fallen. Unternehmen, die teilweise mit der Landwirtschaft nichts am Hut haben, kaufen die Flächen auf, weil sie die Jagd nach Ackerland inzwischen als einträgliches Geschäft erweist. Vor allem Osteuropa, aber zunehmend auch in Ostdeutschland findet die „Landnahme vor der eigenen Haustür“ statt. Hier sollten die Eigentümer an LN ihre heimischen Betriebe als Arbeitgeber und Entwicklungsmotor des Dorfes im Blick haben, wenn Firmen mit Angeboten locken.

Mit einer Betriebsübersicht in der Hand, auf die die Lehrer je nach Unterrichtsfächern jederzeit zurückgreifen können, gab es von Albert Seifert noch einige Erläuterungen zu den mehr als 1400 ha LN, aufgeteilt nach Grünlandanteil und Ackerfläche für Getreide, Mais, Ölfrüchte oder Feldfutter usw. Hinzu kommen FFH-Gebiete rund 12 km „Grünes Band“, das seien rund 90 ha, die in Pflege genommen würden. Waren es in der Wendezeit noch 220 Mitarbeiter, die diesen Agrarbetrieb bewirtschafteten, so sind es heute noch 32 Mitarbeiter, einschließlich der vier Personen in der Tochterfirma in Beinerstadt.

Beim Betriebsrundgang durch alle Bereiche, von der Mutterkuhhaltung über die Rindermast bis zur Schweinezucht und der Biogasanlage erhielten sie eine Vorstellung über die hochtechnisierten Arbeitsabläufe. Unvorstellbar für Außenstehende aber Realität, wenn Seifert erläutert, dass Traktoristen (eigentlich sind es Techniker mit Computer-Kenntnissen) bei bestimmten Feldarbeiten nicht einmal in das Lenkrad eingreifen dürfen. Was die Betriebsstruktur insgesamt betrifft, so ist die Milzgrund-AG auf Mutterkuhhaltung, Zucht und Mast ausgerichtet. Die Milchwirtschaft entfällt.

Anders im „Zuchtzentrum eG Gleichamberg“ (ZZ), denn hier liegt der Schwerpunkt auf den Bereichen Milchproduktion und Kälberaufzucht, erklärte ZZ-Geschäftsführer Klaus Wetzel in der Milchviehanlage in Simmershausen, der nächsten Station. Auch hier informierte ein „Steckbrief“ des ZZ übersichtlich über den Betriebsumfang und den Produktionsrichtungen bei einer gesamten LN von 2400 ha, davon 455 ha Grünland. Beigefügt wurden dem Steckbrief interessante und aussagefähige Grafiken und Übersichten zu Anbaustrukturen, zu Felderträgen, Tierbestandsentwicklung, zur Leistungsentwicklung bei Milchkühen oder zu den beiden Biogasanlagen in Gleichamberg und Simmershausen.

Beim Rundgang sofort ins Blickfeld geraten die Kälber-Iglus und die Stallanlage der Kälberaufzucht, die auf das Profil des Zuchtzentrums verweisen. Leistungsfähige Milchkühe zu züchten ist eines der wichtigsten Ziele. Und so staunten die Lehrer, als sie vom Anlagenleiter Knut Kling hörten, zu welchen Leistungen die Milchkühe in der Lage sind. So geben die ca. 560 Holstein-Milchkühe im Durchschnitt 35 Liter Milch/Kuh/Tag oder anderes ausgedrückt, rund 12000 Liter im Jahr. Die Höchstleistungen liegen sogar bei 60 kg Milch/Tag. Der Fettgehalt der Milch liege bei durchschnittlich vier Prozent, so Kling, was gleichzeitig ein Indikator für die Fütterung und den Gesundheitszustand der Tiere sei.

Vom täglichen Melkgeschehen konnten sich die Pädagogen dann in der Melkzentrale überzeugen, wo sie die Vorgänge im Karussell-Melkstand mitverfolgen konnten.

Auch wenn bei einem Großteil der Pädagogen Kenntnisse über die heimische Landwirtschaft vorhanden sind, so gab es doch immer wieder erstaunte Gesichter, wenn Zahlen, Fakten oder auch wesentliche technische Einzelheiten genannt und erläutert wurden. Und die gab es an allen vier Stationen reichlich. So auch bei der Stippvisite in der LEV (Landwirtschaftliche Erzeugung und Vermarktung) „Zu den Gleichbergen“ Römhild, wo die Lehrerschaft der Regelschule vom Geschäftsführer Udo Schubert erwartet wurden. Hier erfuhren sie einiges zur Unternehmensphilosophie der LEV. So sei es von Anfang an das Ziel gewesen, erklärte Schubert, die Produkte so weit es gehe, selbst zu veredeln und direkt zu vermarkten. Deshalb kommen bei der LEV auch „alle Schlachttiere aus den eigenen Beständen, die in der Landmetzgerei zu Fleisch- und Wurstwaren verarbeitet werden“. In einem Netz von betriebseigenen Filialen werden die Produkte verkauft. Kurze Wege vom Produzenten zum Konsumenten garantieren somit auch die Frische der Waren. Ein vorbereiteter Imbiss für das Kollegium stellte dies postum unter Beweis.

Zu den Produktionsbereichen, erklärte Udo Schubert, gehörten u.a. eine nagelneue Stallanlage in Haina, die sowohl die Effizienz der Milchproduktion erhöhe wie auch für verbesserte Haltungsbedingungen sorge und zu guten Arbeitsbedingungen des Personals beitrage. Die rekonstruierte Schweinemastanlage gegenüber der Hartenburg bietet Raum für ca. 2800 mastplätze. Selbstverständlich gehört dazu auch eine Feldwirtschaft mit einer LN von ca. 1660 ha. Schließlich brachte sie der Bus, der, von der Milzgrund-AG gesponsert, den gesamten Tag zur Verfügung stand, zur BayWa als letzte Station.

Die BayWa (Bayrische Warenvermittlung) ist ein weltweit agierender Konzern, zu dessen umsatzstärksten Kernsegment die Land- und Ernährungswirtschaft gehört. Sie hatte unlängst in Römhild zum „Tag der offenen Tür“ eingeladen, um die neuen Anlagen vorzustellen, die nun auch die Pädagogen in Augenschein nehmen konnten. der Leiter Sven Leisth stellte u.a. die neue Saatgutaufbereitungsanlege in Römhild vor, die mittlerweile die größte von insgesamt 35 Anlagen sei. Dass die BayWa an solchen Besuchen und Führungen interessiert ist, zeigte auch die Tatsache, dass extra eine Mitarbeiterin aus Erlangen zugegen war, die für die Berufswerbung zuständig ist. Die Mitarbeiter zeigten sich sehr aufgeschlossen gegenüber einer solchen Form der Fortbildung und sind an die Einbindung in die regionale Wirtschaft natürlich sehr interessiert.

So konnte auch Ralf Schellenberger ein positives Fazit aus diesem Tag ziehen, der auch bei seinem Kollegium gut angenommen wurde. Eine solche Fortsetzung mit anderen Betrieben der Stadt Römhild und eine Wiederholung nach einigen Jahren auch in der Landwirtschaft, so Schellenberger, könne er sich gut vorstellen.

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