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02.07.2018 18:07

18. Ehemaligentreffen an der Median Klinik Römhild

Es ist kein Klassentreffen im herkömmlichen Sinne, sondern ein Treffen von ehemaligen Patienten der Median Klinik Römhild, einer Klinik zur Behandlung von Alkohol-, Medikamenten- und Drogenabhängigen.

Von: Kurt Lautensack

Römhild – Betritt man das Klinikgebäude, dann fühlt sich der Besucher nicht nur von einer angenehmen Atmosphäre umgeben, sondern er spürt auch ein Gefühl der Geborgenheit und der Freundlichkeit, die ihm das Klinikpersonal entgegenbringt. Dabei ist es keineswegs eine Klinik unter Palmen wie in einer heilen Filmwelt, aber eine „Klinik im Grünen“ am Fuße des Großen Gleichberges, die vielen Patienten einen Weg zurück in ein „ganz normales Leben“ aufzeigt, auf dem sie dabei von Ärzten, Psychologen, Therapeuten, Betreuungs- und Angestelltenpersonal begleitet werden (Bezeichnungen beziehen sich sowohl auf Frauen als auch auf Männer). So war es nicht verwunderlich, dass ehemalige Patienten freudestrahlend auf ihre früheren Therapeut*innen bzw. Gruppenbetreuer*innen zu gingen bzw. ihre Nähe suchten. Aber auch unter den ehemaligen und gegenwärtigen Patienten, einige kannten sich aus der Zeit des Klinikaufenthaltes, andere durch die regelmäßigen Treffen, war ein sehr vertrauensvolles und freundliches Miteinander zu beobachten.

So war es nicht verwunderlich, dass in der Sporthalle, die auch für besondere Anlässe und Veranstaltungen genutzt wird, kaum ein Stuhl leer blieb. In Vertretung des erkrankten Chefarztes Martin Nikolaus Ziegler übernahm der kaufmännische Leiter der Median Klinik Harald Schlögel zusammen mit Diplom-Psychologe Dr. Robert Neumann die Begrüßung. Es sei inzwischen eine sehr gute Tradition geworden, so Schlögel, dass mittlerweile zum 18.Mal ein solches Ehemaligentreffen stattfinde. „Für uns ist dieses Treffen ein wichtiger Baustein in unserer Arbeit in der Median Klinik Römhild, um mit ehemaligen Patienten in Kontakt zu bleiben und Gespräche zu führen“ sagte Harald Schlögel. Es sei wichtig ein Feedback darüber zu bekommen, wie es den ehemaligen Patienten nach dem Klinik-Besuch ergeht. Das helfe den verschiedenen Therapeuten bei ihrer täglichen Arbeit. Robert Neumann verwies dann auf das weitere Programm, das vor allem auch Gesprächskreise von Patienten mit ihren ehemaligen Therapeuten vorsah. Als verhaltenstherapeutische Klinik ausgerichtet, so Neumann, bestand auch das Interesse an Gesprächskreisen mit Angehörigen. Um der Zusammenarbeit mit ehemaligen Patienten Nachdruck zu verleihen, wird ein solches Treffen genutzt, um Frauen und Männer für ihre langjährige Abstinenz von Drogen und Alkohol oder Medikament zu ehren. Die Ehrung für 5, 10, 15, 16,17 und 18 Jahre abstinentes Leben wurde durch Schlögel und Neumann vorgenommen.

Die Mittagspause hatte sich zu angenehmen Gesprächen mit Harald Schlögel und Robert Neumann angeboten. So seien Informationen über die Patienten durch Gespräche sehr wichtig, weil „die Krankheit einen Betroffenen eigentlich ein Leben lang“ begleite, waren beide einer Meinung. Außerdem habe sich das Klientel zu früheren Jahren verändert, weil sich der Anteil der Drogenabhängigen gegenüber der Alkoholsucht vergrößert habe und auch die Altersgruppe. „Gegenwärtig werden etwa zwei Drittel drogenabhängige und ein Drittel alkoholabhängige Patient betreut, so Schlögel. Während bei Alkohol Patienten meistens aus schon „gewachsenen Strukturen wie Lehre, Beruf, Familie“ kämen, beginne die Drogensuch leider schon im frühen Jugendalter.

Das fand später Bestätigung in persönlichen Gesprächen mit Patienten, die in der Römhilder Klinik waren oder zurzeit noch dort eine Therapie machen. So zum Beispiel bei Betty Schilling aus Schkopau, die heute mit 33 Jahren auf eine gute Zeit in Römhild zurückblickt. „Mit 13 Jahren kam ich das erste Mal mit Drogen in Berührung und habe sie 14 Jahre lang konsumiert“, gesteht Betty freimütig. Eine solche Abhängigkeit wird natürlich auch ohne Skrupel von Dealern ausgenutzt und so habe sich noch „drei Jahre wegen Beschaffungskriminalität im Gefängnis“ gesessen. Seit drei Jahren sei sie „clean“ und hatte von Januar bis Juli 2016 eine Therapie in Römhild gemacht, die ihr sehr geholfen habe. Zudem habe sie rigoros mit „alten Freundschaften“ gebrochen und einen neuen Freundeskreis gefunden, in dem Drogen und Alkohol absolut keine Rolle spielten. Deshalb ist sie auch gerne zum Ehemaligentreffen gekommen, um in Gesprächen anderen Patienten Mut zu machen.

Noch jünger, nämlich erst 11 Jahre ist Pierre Langpeter aus Erfurt gewesen, der beim Bogenschießen mit Sporttherapeut Normen Söffler anzutreffen war und gegenwärtig noch in der Klinik ist. „Dabei komme ich aus einem ordentlichen Elternhaus“, erzählt Pierre, doch aus beruflichen Gründen seiner Eltern war er „öfters allein und mit Älteren unterwegs“ und kam so frühzeitig mit Drogen in Berührung. Seit 13 Wochen ist er in Römhild und hatte zum Zeitpunkt noch 11 Wochen vor sich, bevor es wieder nach Hause geht. Der ebenfalls heute 33-jährige junge Mann spürt während seines Aufenthaltes, dass sein Leben wieder einen Sinn bekommen hat, weil ihn wohl auch zu Hause Hilfe und Unterstützung erwartet. „Ich habe einen Sohn von 1 Jahr und 11 Monaten, dem muss ich doch zukünftig ein Vorbild sein“, sagt Pierre mit einem festen Vorsatz und sieht in seinem Sporttherapeuten eine nachhaltige Unterstützung.

Zwei andere Beispiele bestätigen ebenfalls das Gesagte von Harald Schlögel zum Klientel der Alkoholkranken, die oft aus anderen Familienstrukturen heraus kommen und in der Regel älter sind als Drogenabhängige. Da ist beispielsweise Horst Domaratius, der sich mittlerweile als Römhilder fühlt (seit März 2000). Er erhielt zusammen mit zwei weiteren Patienten eine Urkunde, weil er seit 18 Jahren „trocken“ ist. „Ich erhalte eine EU-Rente (Erwerbsunfähigkeitsrente), wohne in Kliniknähe zur Miete und bin hier ehrenamtlich tätig“ gesteht er stolz. Für seine ehrenamtliche Tätigkeit, er hilft dem Klinikpersonal bei verschieden Arbeiten, kommt mit Patienten außerhalb der regulären Betreuung ins Gespräch u.a.m., erhielt Horst sogar ein Extra-Präsent.

Karl Krüger aus Tannroda ist seit 16 Jahren weg von der Droge Alkohol, kommt aber auch immer wieder gern zum Ehemaligentreffen nach Römhild. „Ich arbeite in einer Selbsthilfegruppe in Bad Berka mit, nachdem in Apolda, angeblich aus finanziellen Gründen, die Suchtberatungsstelle geschlossen wurde“, bedauert Karl. Sein Rückhalt, gesteht er unumwunden, ist der Familien- und Freundeskreis. „Als ich das erste Mal die Klinik erfolgreich hinter mir gelassen habe, dachte ich, es hat geklappt und es macht mir nichts aus, wenn ich Alkohol sehe oder andere trinken“. Doch das sei zunächst ein Trugschluss gewesen, gestand er sich ein. Denn 2001 habe er nochmals eine Entziehung in Bad Blankenburg machen müssen. Danach sei er bis heute endgültig weg vom Alkohol und „so soll es auch bleiben“, fügte er hinzu.

Der Sportplatz, der Innenhof der Klinik und die Gesprächskreise boten nach dem Mittag vielfältige Anknüpfungspunkte zu Gesprächen. So stand am Verkaufsstand auch Ergotherapeutin Anja Wagner zur Verfügung oder auch Katrin Junghanß, die überall im Gebäude unterwegs war und als Verantwortliche für die Öffentlichkeitsarbeit sehr gerne Auskunft gab. Das galt übrigens für alle Therapeutenteams der Klinik. Gegenwärtig arbeite beispielsweise ein Team mit Alkohol- und zwei Teams mit Drogenabhängigen. Die Gruppen bei Alkoholabhängigen sind 8-12.Personen, währen bei Drogen die Gruppen kleiner sein, so Schlögel. Perspektivisch, ergänz Psychologe Neumann, werde „der Eltern-Kind-Bereich weiter gefördert“ und auch bei der Unterbringung der eigenen Tiere sehe die Klinik noch Reserven. Man versuche eben den Patienten Mittel und Wege zu zeigen, Ihre Alltagsprobleme und Lebenskrisen erfolgreich zu meistern und ihnen dazu die erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten zu vermitteln. Für die musikalische Unterhaltung im Innenhof, auch das sollte nicht unerwähnt bleiben, sorgte das „Duo Janna“.

Fotos von Kurt Lautensack

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