Sie befinden sich hier

07.08.2017 11:55

Einzigartiges Beispiel für Dorferneuerung in Gleichamberg übergeben

Die inzwischen sanierte Maueranlage an der hochgelegenen Kirche von Gleichamberg kann auf eine mehr als 100-jährige Geschichte verweisen, doch der Zahn der Zeit drohte dieses Jahrhundertbauwerk zu zerstören. Am 29. Juli 2017 wurde die Maueranlage feierlich eingeweiht.

Von: Kurt Lautensack

Gleichamberg – Den Mittelpunkt des Ortes, wegen seiner Berglage aus Unter-, Mittel- und Oberdorf bestehend, bildet die hochgelegene Kirche. Die Abstützung des Hanges, auf dem die Kirche mit dem Friedhof und die „Alte Schule“ mit ihrem einstigen Schulgarten erbaut beziehungsweise erschaffen wurden, ist in drei Terrassen gegliedert. Von mächtigen Mauern aus heimischen Basalt gestützt, verleiht sie der ganzen Kirchenanlage ein wehrhaftes und trutziges Aussehen. Von der steil ansteigenden Unterdorf-Straße aus südlicher Richtung führen Steintreppen über die terrassierten Stufen hoch zum Friedhof und zur Kirche, während die Straße um den „Kirchberg“ herum zum Dorfplatz mit Brunnen führt, von dort man durch das Torhaus der „Alten Schule“ ebenen Weges in Friedhof und Kirche gelangt.

Weitere Bilder finden Sie unter: Medien

Zur Geschichte:

Die geografischen Gegebenheiten des Ortes, er wird zu den ältesten Siedlungen der Region gezählt, auch wenn die Ersterwähnung als „Glychon an dem Berge“ erst auf das Jahr 1182 zurückgeht, stehen natürlich in einem engen Zusammenhang mit dem Bau der Kirche, die im 14. Jahrhundert entstanden sein soll. Denn Kirchen, besonders natürlich auch Kirchenburgen, boten oftmals einen Zufluchtsort vor kriegerischen Horden, weil sie auf Grund ihrer Lage eine gewisse Verteidigung versprachen. Zumindest aus südlicher Blickrichtung, meinte Reiner Roßbach, ähnelt der Anblick einer Kirchenburg. Reiner Roßbach, gebürtiger Gleichamberger und bestens mit den Gegebenheiten in Gleichamberg vertraut, hat das gesamte bisherige Baugeschehen als Architekt begleitet. „Es muss schon früher ein gigantischer Blick auf die Böschung und der hoch oben thronenden Kirche gewesen sein“, meinte Roßbach während eines Gesprächs. Daran dürfte sich auch beim jetzigen Anblick kaum etwas geändert haben.

Reiner Roßbach geht auf Grund vorhandener (Er)Kenntnisse davon aus, dass vor weit mehr als 100 Jahren bereits eine Ringmauer zusammen mit der „Alten Schule“ das Kirchen- und Friedhofsareal umschloss. Wahrscheinlich, so vermutet Roßbach, seien schon zu früheren Zeiten Verfallserscheinungen sichtbar zu Tage getreten, so dass an der Südseite Einsturzgefahr bestanden habe. Um dem entgegenzuwirken, wurde der Ringmauer eine zweite Stützmauer davor gesetzt, der der tiefer liegenden Böschung schließlich eine dritte und vierte Mauer folgte. Noch vor dem I. Weltkrieg, etwa 1912/13, so Roßbach, sei die obere Mauer instandgesetzt worden, bevor der Weiterbau erfolgt sei. Danach sei wohl nichts weiter passiert, so dass „im Laufe der Jahrzehnte wegen des schlechten Bauzustandes die Mauern zu einem Risikobereich“ geworden waren. Im gesamten Mauerbereich war ein starker Bewuchs mit Strauchwerk und Bäumen zu verzeichnen, so dass deren starke Wurzelbildung das Mauerwerk zunehmend zerstörte. Das Ausmaß dieses Bewuchses sollte sich aber erst während der Bauarbeiten im vollen Umfang zeigen.

„Der Zugang zum Friedhof und zur Kirche über die Terrassen musste deshalb schon vor Jahren aus Sicherheitsgründen gesperrt und eine Notsicherung durchgeführt werden“, erklärte Roßbach. Doch eines sei schon den Gemeinderäten der ehemaligen Gemeinde Gleichamberg und der Kirchgemeinde noch vor der Bildung der „Stadt Römhild“ klar gewesen, so Bürgermeister Günther Köhler, dass nur durch eine umfangreiche Sanierung dieses Ortsbild prägende Mauerwerk erhalten werden kann. So wurde dieses Bauwerk in den Maßnahme-Plan für den Ortsteil Gleichamberg aufgenommen. Soweit so gut, oder auch nicht. Denn zwei wesentliche Punkte waren im Vorfeld zu klären.

Zum einen sind Kirchgemeinde und politische Gemeinde anteilig Eigentümer an der Maueranlage, so dass zwischen Kirchgemeinde und der ehemaligen Gemeinde Gleichamberg eine Nutzungsvereinbarung abgeschlossen wurde. Darin wurde die Verkehrssicherheits- und Unterhaltungspflicht auf die Gemeinde übertragen, da eine unmittelbare Nähe des Bauwerkes zu den öffentlichen Verkehrsflächen bestand. Zum zweiten sei es „undenkbar gewesen“, so Köhler, „ohne eine Förderzusage durch das Amt für Landentwicklung und Flurneuordnung (ALF) Meiningen diese Maßnahme im Rahmen der Dorferneuerung in Angriff zu nehmen“. Dabei hob Bürgermeister Köhler die uneingeschränkte gute Zusammenarbeit seinerseits, seiner Bauamtsmitarbeiter und des Architekturbüros mit dem ALF hervor. Insbesondere mit Amtsleiter Knut Rommel und Annelie Reiter, zuständig für Dorferneuerung und TÖB (Träger öffentlicher Belange) sowie mit der Sachgebietsleiterin Katrin König, die das Baugeschehen auch sehr aufmerksam verfolgten und begleiteten.

Zum Baugeschehen:

Durch das Architekturbüro Reiner Roßbach, Römhild, wurde ein Sanierungsplan erarbeitet, erklärte Detlef Floßmann, Mitarbeiter des Bauamtes der Stadt, der sich in drei Bauabschnitten gegliedert habe. Dazu gab es von ihm umfangreiche Informationen zu den einzelnen Bauabschnitten, wie sie sich natürlich in der Begründung der Baumaßnahmen gegenüber dem ALF wiederfanden. Bei der Beantragung habe „neben dem baulichen Zustand der Schwerpunkt auf die Erhaltung der terrassierten Kirchen- und Friedhofsmauer als typisch für Gleichamberg und der Region rund um die Gleichberge“ gelegen. Auch das ALF habe „die regionale Baukultur als prägend für die Identität des Ortes“ betrachtet, so Detlef Floßmann. Die Ortskerne seien ein Charakteristikum der Region, die den Dörfern Profil und Identität geben würden.

Nach Bewilligung des 1. Bauabschnittes (BA) durch das Meininger ALF sei es in Übereinstimmung mit dem Architekturbüro zur Ausschreibung gekommen. Beim I.BA ging es „um die Wiederherstellung des Zugangs zum Friedhof/Kirche vom Unterdorf, da der Zugang am stärksten gefährdet war (frühe Abstützung war nötig). Auf Grund auftretender statischer Probleme wurde zur weiteren Mitarbeit Diplomingenieur Jürgen Schuchert vom Ingenieurbüro für Statik und Konstruktion „Trabert & Partner“ aus Geisa hinzugezogen. Zur Erreichung einer „hohen Stabilität der Mauer wurden Stahlbetonbalken einbetoniert und mit der oberen Ringmauer verankert“. Die Leistungen für den I.BA, Steinmetz-, Maurer- und Betonarbeiten, wurden an die Firma Preuße & Rätsch aus Weimar und die Erd- und Betonarbeiten an die Fa. Tino Köhler aus Gleichamberg als günstigste Anbieter vergeben. Die Bauarbeiten hierzu hatten im Oktober 2015 begonnen. Die Kosten für den I.BA betrugen 147 582 Euro bei einer Fördersumme vom Alf in Höhe von 95 870 Euro. Das die jeweilige Fördersumme bei allen drei Bauabschnitten knapp unter 65 Prozent lag, habe daran gelegen, erklärte Floßmann, dass geringfügige Arbeiten nicht förderfähig gewesen seien.

Entsprechend des ausgearbeiteten Sanierungsplanes lag es wiederum an der Fördermittelzusage, bevor eine weitere öffentliche Ausschreibung erfolgen konnte. Hier wie auch im dritten Bauabschnitt erwies sich die Firma aus Weimer als der günstigste Anbieter, der überhaupt eine sehr fachlich kompetente Arbeit bescheinigt wurde. Der II.BA umfasste den „oberen Mauerring rund um den Friedhof sowie die Erneuerung aller mit Basaltsteinen gemauerten Pfeiler“. Starke Verwurzelungen im Mauerwerk, die erst beim Öffnen der Stützmauern deutlich sichtbar wurden sowie „falsche Versuche des Vergießens von Mauerlücken mit Beton und nicht fachgerechte Ausführungen provisorischer Instandsetzungen von Mauerrissen“ führten zu Mehrkosten, die nicht vorhersehbar waren. Zudem habe es Probleme bei der Umsetzung und der fachrechten Ausführung gegeben, dessen Gründe in der Beschaffenheit des Mauerwerkes lagen sowie in der Einhaltung der geforderten technischen Normen. Auch dabei habe sich das ALF als zuverlässiger Partner erwiesen, als es um die Förderung und somit um die Realisierung zusätzlicher Arbeiten ging. Für den II.BA, der am 15.8.2016 abgeschlossen werden konnte, waren Gelder in Höhe von 231972 Euro nötig, davon waren 148091 Euro Fördermittel, die Differenz Eigenmittel der Kommune..

Um die komplexe Maßnahme zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen, habe sich ein dritter Bauabschnitt angeschlossen, so hieß es aus dem Bauamt der Stadt, der nach dem Sanierungsplan den mittleren und unteren Mauerring umfasste sowie die Erneuerung des südwestlichen Aufgangsbereiches einschließlich der Basaltsteinpfeiler. Wichtig dabei sei es gewesen, dass als einziger Baum in der Anlage der Maulbeerbaum erhalten bleibt. Er steht unter Naturschutz und sei mindestens ebenso alt wie die Mauerterrassen. Dass verschiedene Leistungen Mehrkosten verursachten, waren sich Bauamt und Architekt einig, sei der Tatsache geschuldet, das keine Bestandsunterlagen zu den baulichen Maßnahmen vorhanden gewesen seien und so manches nicht absehbar gewesen sei. Dank der Förderung durch das ALF konnte zum Jahresende 2016 auch dieser Bauabschnitt abgerechnet werden. Von den Mitarbeitern des Flurneuordnungsamtes sei dieses imposante Mauerwerk als ein „Jahrhundertwerk“ bezeichnet worden, meinte Günther Köhler, der sogar noch einen Schritt weiter ging und sagte: „Das Mauerwerk muss mindestens 200 Jahre halten, so wie das instandgesetzt wurde“. Stolz auf die Leistungen aller Beteiligten, ganz gleich in welcher Form, bezeichnete er die gesamte Baumaßnahme als „eine echte Dorferneuerungsmaßnahme mit Beispielcharakter“. Für die drei Bauabschnitte wurden insgesamt 647 326 Euro ausgegeben. Bei einer bereits erwähnten knapp 65%-igen Förderung verblieben als Eigenmittel für die Stadt Römhild 229 743 Euro.

Da es noch einige statische Probleme am Aufgang von der Unteren Dorfstraße (südöstlicher Treppenaufgang) gab, mussten für diese Maßnahmen weitere Mittel beantragt werden, die als VE-maßnahme durchgeführt werden sollen. Eingeschlossen in diese Maßnahme sei auch die Begrünung einiger Flächen mit Bodenbedeckern, erklärte Floßmann. Diese Maßnahme wurde einschließlich der Nebenkosten mit 80272 Euro veranschlagt. Bei 65 % Förderung durch das ALF kämen an Eigenmitteln für die Kommune weitere 28 095 Euro hinzu. Damit zähle dieses Bauwerk neben den großen Baumaßnahmen am Schloss Glücksburg und den Straßenbaumaßnahmen in Römhild und Bedheim zu den bisher wichtigen Investitionen. 

Weitere Bilder finden Sie unter: Medien

Kontextspalte

weitere News